Coaching vs. Athleten Mindset im Powerlifting und Krafttraining

Es gibt grundlegende Unterschiede zwischen einem Coach und einem Athleten. Dies ist offensichtlich, aber wir meinen nicht damit, dass der Coach die Pläne schreibt und der Athlet sie ausführt. Wir gehen auf das Mindset, das Denken der jeweiligen Rollen ein und wie es sich unterscheidet. Das ist ein extrem wichtiges Thema, aber hört oder liest man kaum was darüber. Jedoch könnte man fast alle Athleten dabei erwischen, wie sie sich über etwas Gedanken machen, was eigentlich der Coach übernehmen sollte.

Worüber sollte ein Coach nachdenken?

Ein Coach sollte so viele relevante Informationen wie nur möglich sammeln. Er braucht Kontext. Und um diesen Kontext zu erhalten, muss er sich viele Fragen stellen, Informationen sammeln. Er muss sich primär mit der Vergangenheit und der Zukunft beschäftigen und sich darüber den Kopf zerbrechen, wie das vergangene Training lief und wie er das zukünftige Training gestaltet.

Vor der Erstellung eines Trainingsblocks

Die Aufgabe als Coach ist es alles zu geben um dem Athleten die bestmögliche Betreuung und Trainingsplanung zu bieten. Dazu muss man sich sehr viele Fragen durch den Kopf gehen lassen.

Wie oft kann der Athlet pro Woche trainieren, wie viel Volumen braucht, was für Equipment hat er, was für Übungen kann er machen, wann ist der nächste Wettkampf, wie sollte er aktuell trainieren, in welcher Reihenfolge sollte er die Übungen machen, muss er für diesen Supersatz durch das komplette Gym rennen, kann er die Übung ausführen, was für Verletzungen hatte oder hat er, wie lief das Training im letzten und vorletzten Block, wie hat er vor einem Jahr trainiert als er in der gleichen Trainingsphase war?

Während eines Trainingsblocks

Aber das ist nur ein Teil der Fragen, die der Coach braucht, wenn er einen neuen Trainingsplan erstellt. Wie sieht es mit dem aktuellen Training aus? Läuft das Training gut, macht er Progress, wie fühlt sich der Athlet, läuft das Training wie erwartet oder schlechter oder sogar besser? Muss ich Anpassungen treffen?

Nach einem Trainingsblock

Wie lief dieser Trainingsblock? Was für Anpassungen muss ich treffen? Wie passe ich im nächsten Block die Sätze und Wiederholungen an? Welche Übungen müssen eventuell gestrichen werden oder zumindest leicht modifiziert werden? Wie wähle ich die Gewichte? War das Training in diesem Block zu schwer, zu leicht, oder hat es gepasst? Welche neuen Informationen habe ich in diesem Block bekommen, die ab jetzt meine zukünftigen Entscheidungen im Coaching beeinflussen?

Das waren jetzt mehrere Absätze nur mit Fragen, die sich ein Coach regelmäßig stellen muss und es waren bei weitem nicht Alle.

Ein Coach muss sich also um die Vergangenheit und um die Zukunft Gedanken machen. Die Fragen, die er sich während eines Trainingsblocks stellen muss, führen auch wieder zu Überlegungen über die zukünftige Trainingsgestaltung.

Worüber sollte ein Athlet nachdenken?

Erstmal sollte sich ein Athlet (zum Glück) nicht mal ein Bruchteil der ganzen Fragen selbst stellen. Als Athlet hat man es nicht wirklich leichter, aber zumindest muss man weniger Fragen beantworten können. Als Athlet zählt nur eins: die Gegenwart.

In der Praxis ist es so, dass die meisten Athleten sich mit Dingen beschäftigen, mit denen sich eigentlich ein Coach beschäftigen muss. Wie ist es denn, wenn man sich selbst coacht? Darauf kommen wir im letzten Kapitel zu sprechen. Bevor wir das Wechseln zwischen den beiden Rollen erklären können, müssen die beiden Rollen erst definiert werden. Zurück zum Thema.

Während sich der Coach auf die Vergangenheit und Zukunft konzentriert, gibt es für Athleten nur den aktuellen Trainingsblock, die Trainingswoche, den Trainingstag, die aktuelle Übung, den Satz, die Wiederholung, den aktuellen Moment. Aber auch den aktuellen Tag, die aktuelle Mahlzeit, den Schlaf und weitere Faktoren, die eine wichtige Rolle für den sportlichen Erfolg spielen.

Gebe dein bestes in jedem Moment

Gebe ich mein bestes bei jeder Wiederholung? Bin ich mental anwesend und konzentriere ich mich auf eine gute Technik? Oder schweife ich gedanklich ab und rege mich zum Beispiel über den schlechten letzten Satz noch auf?

Das klingt sehr klischeehaft. Sein bestes in jedem Moment geben. Wie aus einem schlechten Motivationspost auf Facebook.

Aber so ist das gar nicht gemeint. Es ist eigentlich nur ein Fakt. Was soll man denn als Athlet sonst sinnvolles machen? Über die nächste Einheit nachdenken, über vergangene Einheiten sich aufregen oder auch freuen? Alles ist weniger sinnvoll als sich einfach auf die aktuelle Trainingseinheit zu konzentrieren. Sich über vergangene Sätze, Wiederholungen oder auch Versuche im Wettkampf aufzuregen ist kontraproduktiv. Genauso ist es aber nicht gut, wenn man sich zu lange zu sehr über etwas freut. Man ist abgelenkt und gedanklich noch beim letzten Satz oder auch Versuch. Dieses Prinzip fasst der folgende Satz auch perfekt zusammen:

Don’t get too high, don’t get too low.

Das klingt sehr streng und deshalb wollen wir betonen: Das heißt nicht, dass ihr euch nicht mehr unterhalten dürft im Training oder kein Spaß haben dürft. Ganz im Gegenteil! Ein Coach sollte dir Übungen geben, die dir Spaß machen. Du solltest im Training auch Spaß haben, aber du solltest ebenso mental in der aktuellen Einheit sein und nicht irgendwo anders.

Dein Coach macht sich Gedanken über deine Trainingsplanung. Als Athlet musst du den Plan ausführen. Das ist ja das schöne an einem Coaching: Man muss sich nicht mehr mit den ganzen Fragen beschäftigen und kann einfach trainieren und stärker werden.

Ehrliches Feedback

Es gibt aber noch eine wichtige Komponente, die man als Athlet beachten muss. Man muss dem Coach ehrliches Feedback geben. Und das klingt leichter als es ist. Manche können das sehr gut, während andere sagen „der Versuch war leicht, pack 15 kg drauf!“. Man packt 5 kg drauf und der Versuch war viel zu schwer und wird nicht geschafft. Fehlende Objektivität bei sich selbst ist aber normal, jedoch sollte man sich dessen bewusst sein.

Wenn du deinem Coach ehrliches und möglichst objektives Feedback gibst, ihm berichtest wie das Training lief, während du im Training einfach nur ausführst und dein Bestes gibst, dann machst du einen sehr guten Job als Athleten.

Jetzt gibt es sicher zwei Fragen oder auch Punkte, die viele jetzt denken:

Sollte ein Athlet denn einfach stumpf den Plan ausführen ohne zu verstehen was er da macht?

Nein, natürlich nicht. Ein Coach sollte dem Athleten grob erklären, weshalb er aktuell so trainieren soll, wie es im Plan steht. Warum gewisse Übungen im Plan sind, warum er jetzt ein 6×10 machen muss oder warum er Bulgarian Split Squats im 10×15 machen muss. Wenn ihr ein 10×15 im Plan stehen habt – egal bei welcher Übung – solltest du als Athlet nachhaken und falls das kein Tippfehler war, den Coach wechseln.

Aber Spaß bei Seite: Wenn du als Athlet etwas nicht verstehst, solltest du deinen Coach einfach fragen. Manche Athleten führen wirklich einfach nur aus und vertrauen zu 100% ihrem Coach und andere Athleten wiederrum wollen verstehen, warum sie gewisse Dinge im Training machen – beides ist vollkommen normal.

Prioritätensetzung – dreht sich alles um Training?

Der zweite wichtige Punkt ist Prioritätensetzung. Jeder Mensch, jeder Athlet hat andere Prioritäten. Selbst jeder Athlet hat zu unterschiedlichen Phasen in seinem Leben unterschiedliche Prioritäten. Manchmal muss man das Training etwas zurückstecken und das ist okay. Man kann und soll nicht in jedem Moment des Tages an Training denken und sich fragen, ob das was man im Augenblick macht, gut oder schlecht für seinen sportlichen Erfolg ist. Die Prioritätensetzung bezieht sich aber primär auf den Alltag und nicht auf die einzelne Trainingseinheit selbst.

Natürlich kann diese Trainingseinheit kürzer sein und du kannst in einer stressigen Lebensphase, zum Beispiel in einer Klausurenphase, nur 3 Mal statt 4 Mal die Woche trainieren. Das ist auch kein Problem und es ist sogar sehr wichtig, solche Anpassungen zu treffen um langfristigen Fortschritt und Adhärenz zu gewährleisten. Life happens und als Coach muss man solche Faktoren berücksichtigen.

Aber auch in solchen Phasen bleibt eine Sache unverändert und hilft dir sogar dabei abzuschalten: Wenn du im Training bist, dann bist du nicht nur körperlich, sondern auch mental anwesend.

Der Rollenkonflikt – Coach vs. Athlet

Dieser Konflikt aus Vergangenheit und Zukunft gegen die Gegenwart ist auch der Grund, weshalb wir den Artikel/PODCAST so genannt haben. Man muss verstehen, dass dieser Konflikt weder gut noch schlecht ist, er ist einfach normal und wird immer vorkommen. Mal stärker ausgeprägt, mal weniger stark.

Als Athlet sollte man also sein bestes geben und dem Coach ehrliches Feedback zukommen lassen.

Als Coach sollte man möglichst viele Informationen aus der Vergangenheit sammeln, um möglichst viel Kontext zu haben und somit die bestmöglichen Entscheidungen für das zukünftige Training zu treffen. Aus der Vergangenheit klingt etwas abstrakt, das kann aber auch einfach das Training der letzten Woche bedeuten.

Was ist, wenn ich mich selbst coache?

Der Rollenkonflikt zwischen Coach und Athlet tritt vor allem ein, wenn man sein eigener Coach ist. Jetzt vorweg: Das funktioniert auch für einige Athleten sehr gut, jedoch muss man ehrlich sagen, dass ein Coach für die meisten Athleten besser wäre. Der Rollenwechsel ist nicht leicht, denn Objektivität und Außensicht fehlen.

Außensicht: Das Geschehen, wie es von außen aussieht, also ohne Gefühle und Gedanken.

Innensicht: Das Geschehen, wie es von innen aus der Egoperspektive wahrgenommen wird, mit Gefühlen und Gedanken. Diese Sicht ist deutlich anfälliger für kognitive Verzerrungen und Trugschlüsse.

Man braucht zwei Denkweisen, wenn man Coach und Athlet in einer Person ist und das ist für viele nicht leicht, weshalb man auch anderen Leuten bessere Tipps als sich selbst gibt. Es geht hier um die Innensicht gegen die Außensicht. Es geht um die fehlende Objektivität der Innensicht und um die komplett unterschiedlichen Themen, mit denen sich ein Athlet oder ein Coach befassen sollte.

Diese Problematik der Innensicht gegen die Außensicht ist in fast allen Themen relevant. Sobald man sich dieser Problematik aber bewusst ist, kann man auch für sich selbst bessere Entscheidungen treffen. Du selbst hast vielleicht Lust deine Trainingsgewichte um 10 kg zu erhöhen, wenn es dir zu leicht vorkommt was dein Coach in den Plan geschrieben hat. Aber wie würdest du reagieren, wenn du der Coach bist und dein Athlet die Gewichte einfach erhöht?

Was wir mit diesem Artikel erreichen wollen

Falls du sich selbst coachst, solltest du jetzt hoffentlich in der Lage sein, bessere Entscheidungen für dich selbst zu treffen. Nimm die Außensicht ein – die Sicht eines Coaches – wenn du Entscheidungen über deine Trainingsplanung oder während deines Training triffst. Frag dich ob der spontane Max Out auch noch so cool ist, wenn du die Sicht des Coaches einnimmst.

Falls du gecoached wirst, kannst du dich hoffentlich besser auf das Wesentliche konzentrieren – die Ausführung deines Trainingsplans, eine ordentliche Ernährung und gute Regeneration. Überlasse komplexe Entscheidungen und das Beantworten unzähliger Fragen deinem Coach, aber unterstütze ihn durch ehrliches Feedback.

Falls du ein Coach bist: Hoffentlich nehmen es sich deine Athleten zu Herzen und machen dir ab sofort das Leben als Coach ein wenig leichter.


Wir können jedem der mehr über das Thema Innensicht und Außensicht, sowie kognitive Verzerrungen befassen will, das Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ empfehlen. Dieses Buch bildet keinesfalls die Basis dieses Artikels, sondern unsere Erfahrungen als Coaches, jedoch hat es einen großen Einfluss auf unser kritisches Denken.

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Kommentare
  1. Den Artikel fand ich sehr interessant , da ich mich auch selber coache . Er hat mich doch über einiges nachdenken lassen. Vielen Dank

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