In den letzten Jahren haben sich die Lager im Powerlifting ziemlich geteilt. Während der Raw Sport einen richtigen Aufschwung erlebt, sind die Teilnehmerzahlen im Equipped Powerlifting eher rückläufig. Gerade für Quereinsteiger erschließt sich der Grund nicht, warum man durch Bankdrückshirts und Co. seine Leistung künstlich nach oben schießen lässt.

Was heißt Equipped überhaupt?

Es handelt sich dabei um unterstützende Kleidung, die vor allem den unteren Bereich der Bewegung deutlich unterstützen können. In der IPF (International Powerlifting Federation) gab es bis vor ein paar Jahren ausschließlich internationale Wettkämpfe welche diese Ausrüstung erlaubte. 2013 wurden dann erstmals internationale Raw Wettkämpfe eingeführt. Trotzdem gibt es immer noch jährlich Europa-, Welt- und diverse andere Meisterschaften mit Equipment und auch bei den World Games 2017 ist die Ausrüstung noch erlaubt.

In diesem Artikel wollen wir auf die Besonderheiten von Training mit Equipment eingehen und was schlussendlich den Reiz ausmachen kann, sich in viel zu enge Klamotten zu stopfen.

Kniebeuge:

Hier kann ohne viel Erfahrung bereits eine Menge Gewicht aus dem Equipment geholt werden. Durch den Gebrauch von Kniebeugeanzügen und Wickelbandagen sind in den mittleren Gewichtsklassen Leistungsgewinne von 70-110kg keine Seltenheit.

Der Anzug sollte richtig eng gewählt werden. Zusätzlich kann man die Träger noch abnähen um noch mehr Spannung zu bekommen. Bei den Bandagen ist eine feste fachmännische Wicklung entscheidend. Dazu muss noch beachtet werden welche Equipmentmarke am besten zu den jeweiligen Körperproportionen und zur Technik passt. In der IPF findet man am häufigsten den Super Centurion von Titan.

Wenn das Material gut ausgewählt ist und richtig fest sitzt, ist es oft sehr schwer wettkampfgültige Tiefe zu erreichen mit einem Gewicht, das man auch noch kontrolliert zur Hochstrecke bringen kann.

Umso wichtiger ist es die Technik so anzupassen, dass der Hantelweg so gering wie möglich gehalten werden kann.

Dafür eignet sich ein etwas breiterer Stand mit sehr stabiler „knees out“ Knieführung. Der Oberkörper sollte so aufrecht wie möglich gehalten werden und die Knie so wenig nach vorne wandern wie nötig. Für maximale Unterstützung der Bandagen macht es Sinn, sich unten etwas reinfallen zu lassen, während der ganze Körper auf Spannung bleibt.

Sollten die Knie in der Aufwärtsbewegung nach innen fallen, verliert man eine Menge an Unterstützung des Anzugs. Darauf sollte im Training also sehr strikt geachtet werden, auch und vor allem bei Raw Versuchen.

Ansonsten geht es im Training gar nicht primär darum, oft mit dem Equipment zu trainieren, sondern viel mehr eine optimale Technik zu finden, welche vor allem raw trainiert werden soll. Zusätzlich erschwert man immer wieder den oberen Bereich und den Walkout in dem man Bänder, Ketten und Co. verwendet.

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Bankdrücken:

Hier findet man Athleten die über 100kg aus einem Shirt rausholen und wiederum andere, die kaum mehr als ihre Raw Leistung drücken. Das Handling, aber auch das spezifische Training mit dem Equipment ist im Bankdrücken sicher am komplexesten.

Bei der Auswahl der richtigen Marke, fällt die Entscheidung meist auf eine Variante des Super Katanas von Titan oder das Rage X von Inzer. Je nach Ellbogenposition und Brücke und Körperbau emfpehlen sich verschieden Shirttypen.

Viel aufwändiger wie das Finden des richtigen Shirts ist es aber das Hemd optimal für sich und das angestrebte Gewicht anzuziehen.

Man kann dabei mit der Position des Kragens und der Ärmel experimentieren. Dies macht es möglich, dass Versuche oft im 1. Versuch schwerer ausschauen als im 3. Versuch, auch wenn 20kg Leistung dazwischen sind.

Man muss dabei immer einen Kompromiss finden das Shirt so anzuziehen, dass man gerade noch auf die Brust kommt, aber trotzdem eine gute Unterstützung des Shirts erfährt. Deswegen findet man bei reinen Bankdrückwettkämpfen mit Equipment auch die meisten Fehlversuche im Erstversuch, weil dieses Feintuning nicht immer gelingt. Schwankungen im Körpergewicht und Körpervolumen, aber auch im Material (Abnutzung) erschweren die optimale Einstellung des Shirts enorm.

Natürlich kann man auch auf Nummer sicher gehen und einerseits größere Hemden nehmen oder diese so anziehen, dass man mit weniger Gegenwehr auf die Brust kommt. Die Kluft zwischen Sicherheitsversuchen und Maximalversuchen ist jedoch extrem riesig. Wenn man beispielsweise mit sicheren 250 kg einsteigt, ist es für den Kopf sehr schwer im 2. Versuch auf 300 kg zu gehen. Außerdem ändert sich die Technik etwas, wenn die Spannungsverhältnisse des Shirts verschieden sind oder es gar zwei unterschiedliche Shirts sind. Das ist einer der Gründe, weshalb man im Profibereich oft trotzdem sehr hoch einsteigt.

Das Training unterscheidet sich insofern, dass im Shirt vor allem der Lockout entscheidend ist. Dieser wird über diverse Trizepsübungen sowie Bankdrückvarianten, die den oberen Bereich des Drückens akzentuieren, trainiert. Daneben ist es unheimlich wichtig, stabil auf der Bank zu liegen und maximale Spannung zwischen den Schulterblättern zu erreichen, wodurch diverse Zugübungen eine große Wichtigkeit bekommen.

Kreuzheben:

Hier gibt es Equipped Athleten die im Wettkampf ohne Kreuzhebeanzug heben (z.b.Fedosienko) und andere , die gar nicht wissen was sie raw können und den Unterschied auf ca. 60kg schätzen.

Gerade im Equipped Powerlifting findet man einen sehr hohen Anteil an Leuten die Sumo ziehen; der Grund könnte sein, weil man hier tendenziell deutlich mehr aus dem Equipment holen kann, wie beim klassischen Kreuzheben. Der Anzug ermöglicht es unten schneller rauszukommen. Dafür ist es deutlich schwerer die Schultern hinten und einen gerade Rücken zu halten. Gerade im Lockout rächt sich das oft.

Im Training muss hier also wieder auf eine sehr strikte und saubere Technik geachtet werden . Ein spezielles Lockouttraining macht nicht uneingeschränkt Sinn. Dafür ist es sehr wichtig, die hüftumgebende sowie schulterstabilisierende Muskeln entsprechend vorzubereiten um eine optimale Startposition zu ermöglichen. Ungültige Versuche auf Grund mangelnder Griffkraft sieht man bei Kreuzheben mit Equipment deutlich öfter als bei Raw.

Fazit:

Wenn jemand Wettkämpfe mit Equipment machen will, muss er den fachmännischen Umgang damit erlernen. Danach kann es sehr viel Spaß machen an den verschiedenen Stellschrauben zu drehen um in neue Leistungsbereiche vorzudringen. Anders wie im normalen Training können kleine Veränderungen sofort große Effekte in der Endleistung bringen. Das führt aber auch dazu, dass man mehr ungültige Versuche bei Equipped Powerlifting Wettkämpfen als bei Raw beobachten kann. Außerdem ist die technische Ausführung noch entscheidender als im Raw Powerlifting, was einen zwingt sauber zu arbeiten.

Mit ein bisschen Köpfchen ist es so oft möglich, deutlich stärkere Athleten durch die optimale Ausnutzung des Equipments zu besiegen.

Der Nachteil ist ganz klar, dass man immer auf Hilfe angewiesen ist und erstmals einiges an Geld in die Hand nehmen muss um sich das Equipment zu kaufen. Außerdem muss man immer wieder neue Sachen testen um maximale Leistung aus dem Equipment herauszuholen.

Be dedicated, become strong – egal ob mit oder ohne Equipment!


► Kontakt: [email protected]

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